Weinbau von Tscharner: Alles, nur kein Mittelmass!

Am Zusammenfluss von Hinter- und Vorderrhein, dort, wo der Alpenrhein das Licht der Welt erblickt, steht das Schloss Reichenau in zeitloser Schönheit. Wer die Glocke neben dem Schlosstor zieht und danach über die Schwelle tritt, fühlt sich in eine andere Zeit katapultiert. Schlossherr Gian-Battista und sein Sohn Johann-Baptista von Tscharner heissen uns willkommen und führen uns hinab in den Schlosskeller, durch das Flaschenarchiv – vorbei an Flaschen aus den letzten 46 Jahrgängen! – und in den verheissungsvollen Degustationsraum, wo wir am mächtigen Holztisch Platz nehmen.

Wenn der Vater mit dem Sohne

Wer Gian-Battista kennt, diese markante Persönlichkeit mit der rauen Schale, hinter der sich ein feinsinniger, empfindsamer und kultivierter Mensch verbirgt, mag sich bisweilen ein bisschen um den Sohn gesorgt haben, der im Schatten dieses bemerkenswerten Vaters grossgeworden ist. Doch wenn man die beiden beobachtet, wie sie miteinander umgehen, wird schnell klar: Da sind sich zwei ähnlich und von Herzen zugetan. «Das hat mir niemand zugetraut, aber seit ich die Leitung des Kellers an Johann-Baptista übergeben habe, rede ich ihm nicht mehr drein…», lacht Gian-Battista. «Doch wir diskutieren natürlich viel und degustieren miteinander», schiebt Johann-Baptista grinsend nach. Und öffnet die erste von vielen Flaschen, eine spannender als die andere…

Wer zum ersten Mal nach Reichenau kommt, hält vergebens Ausschau nach Weinbergen. Hier wachsen zwar köstliche Spargeln – Kenner sagen, es seien die besten der Schweiz –, aber weit und breit keine Reben. Die Weinberge, gegen sechs Hektar, liegen ein Stück weiter rheinabwärts, in den Gemeinden Felsberg, Chur, Jenins und Maienfeld.

Wichtig ist Gian-Battista und Johann-Baptista immer, dass ein Wein gut altern kann. Dafür lassen sie ihren Weinen Zeit. «Wir forcieren nichts, lassen sie lange liegen, zuerst im Holz, später in der Flasche…» Wer hier schon Wein kaufen wollte, der noch nicht trinkbereit war, wird das entschiedene Nein der Patrons nicht so schnell vergessen. Doch das Warten lohnt sich. Immer. Das beweist etwa der Pinot Gris 1994 mit seiner wundervollen Nase, geprägt von Trockenfrüchten, Honig, Caramel, Baumnüssen und Butter, im Gaumen lebhaft, voller Schmelz und trotzdem trocken. «Zu reifem Käse ein Hochgenuss…», verspricht Gian-Battista.

Gian-Battista von Tscharner et son fils Johann-Baptista entourent Eva Zwahlen dans leur cave du Schloss Reichenau.
Gian-Battista von Tscharner und sein Sohn Johann-Baptista zusammen mit Eva Zwahlen im Weinkeller des Schlosses Reichenau.

 

Weisse Herausforderungen

«Mit den Bündner Chardonnays konnte ich nie viel anfangen», erzählt sein Sohn. Bei einer Degustation von weissen Burgundern des Jahrgangs 2002 traf ihn der Coche-Dury wie ein Blitz aus heiterem Himmel: «Ich war so begeistert, dass ich fortan unbedingt Chardonnay machen wollte.» Und so pflanzten Vater und Sohn 2012 in Chur Chardonnay an. «An die Vinifikation des Chardonnays muss ich mich erst herantasten», meint Johann-Baptista bescheiden. Reinsortig vinifizierte er ihn erstmals 2017. Johann-Baptista verzieht das Gesicht. Der zweite Versuch, der 2018er, nur zu einem Viertel in neuem Holz gereift, bringt ihn – und uns! – zum Strahlen: gradlinig, frisch, voller Finesse und von wahrhaft burgundischer Eleganz, endlos lang…

Das weisse Paradepferd ist der Completer, diese Bündner Rebsortenrarität, die nur noch von wenigen Winzern angebaut «und leider meistens modern vinifiziert wird», wie Gian-Battista bedauert. Nicht so auf Reichenau: «Die Trauben müssen vollkommen reif sein und mehr als 100° Oechsle auf die Waage bringen, das braucht Geduld. Wir bauen den Completer mindestens fünf, manchmal zehn Jahre in alten Barriques aus, ohne Zusatz von Schwefel.» Das Resultat? Ein hochemotionaler Wein mit komplexer Nase, in der sich Honig, Walnüsse und edle Gewürze ein Stelldichein geben, im Gaumen tiefgründig, oxydativ, aussergewöhnlich. Doch leider nur in homöopathischen Dosen (sprich: so gut wie gar nicht) erhältlich!

Markante Blauburgunder von grosser Klasse

«Wir machen Nischenweine», betont Johann-Baptista, «unsere Weine sind wie wir, ein bisschen extrem.» Der Vater ergänzt: «Deshalb haben wir nur Kunden, die ebenfalls ein wenig verrückt sind…» Weinmachen lerne man in der Praxis, nicht in der Schule, findet Gian-Battista, der an der ETH Agronomie studierte, während sein Sohn in Wädenswil ein Lebensmittel- und Getränketechnologiestudium absolviert und in Neuseeland Erfahrungen gesammelt hat. «Meine Frau Anni und ich, wie haben unsere Kinder nie zu etwas gedrängt, aber sie waren von klein auf immer dabei und involviert in unsere Arbeit.» Johann-Baptistas älteste Schwester, Marina, ist Geologin, die Zweitgeborene, Francesca, hat Tourismus studiert und ist für Events und Veranstaltungen auf Schloss Reichenau zuständig.

60% der Produktion im Schloss entfallen auf den Blauburgunder, den Söldner in französischen Diensten einst ins Bündnerland mitgebracht haben sollen. Die jüngsten Pinot-Reben sind 19 Jahre alt, die ältesten sechzig. Der Pinot wird in etlichen Versionen dekliniert. Eines der Aushängeschilder des Hauses ist der Gian Battista, der unverkennbar die Handschrift seines Namensgebers trägt, aus zwei unterschiedlichen Churer Lagen stammt und 28 Monate lang in zur Hälfte neuen Barriques reift. Ein grosser, monolithischer Wein, kraftvoll, tiefgründig und langlebig. Ein mehr als würdiges Mitglied von Mémoire des Vins Suisses! Aus denselben Rebbergen kommt der Johann-Baptista, vom Sohn geprägt, kernig und zutiefst burgundisch wie der Wein des Vaters, aber etwas feiner, eleganter, leichter zugänglich. Komplett anders dann wieder der Jeninser Blauburgunder Mariafeld. Oder der Jeninser alte Reben, von 1961 gepflanzten Rebstöcken… Unmöglich, all die vinösen Schätze aufzuzählen, die in den Schlosskellern von Reichenau nach bester Handwerkstradition gekeltert werden! Echten Weinfreaks sei deshalb dringend eine Reise in die Bündner Herrschaft ans Herz gelegt…

Tipp von Johann-Baptista von Tscharner

Restaurant Scalottas
Hansjörg Ladurner
Voa Principala 29
7078 Lenzerheide

Restaurant Stern Chur
Adrian K. Müller
Reichsgasse 11
7000 Chur