Weinbau Annatina Pelizzatti: Im Rebberg zu Hause

Annatina Pelizzatti neigt dazu, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Zudem ist ihr jede Art von Aufmerksamkeit oder gar Rummel ein Greuel. Viel lieber arbeitet die stille Schafferin in den Reben. Oder engagiert sich in der Bündner Winzervereinigung Vinotiv. Ihre Weine sind von einer derartigen Strahlkraft, dass sie längst zur Elite der Bündner Herrschaft gehören.

Annatina ist im schmucken Winzerdorf Jenins zu Hause. Sie lebt und arbeitet in ihrem Elternhaus, im alten Dorfkern, wo jeder jeden kennt und auch Fremde gegrüsst werden. Ihre Eltern, die gleich nebenan wohnen, haben hier einst einen klassischen Bauernhof betrieben, mit Viehwirtschaft, Ackerbau und Reben. «Als Kind war ich gern im Kuhstall, aber auch in den Reben. Diese Arbeit habe ich schon immer geliebt.» Später wurden die Kühe verkauft, die Reben traten an die erste Stelle.

Weibliches Duo

Nach dem Unfalltod ihres Mannes Domenico, des gelernten Weinküfers, war Annatina jäh auf sich allein gestellt, blutjung, mit einem Kleinkind, das zweite unterwegs – und ohne jede Erfahrung im Keller. Dank der Unterstützung von Winzerkollegen und ihren Eltern, aber auch dank ihrem unbeugsamen Willen schaffte es die zierliche Winzerin rasch, sich das nötige Wissen und Können anzueignen. Heute, mehr als zwanzig Jahre später, zeigt sie uns mit stillem Stolz ihren blitzsauberen Keller und den bildschönen Degustationsraum mit viel Holz, der geschickt Neu und Alt verbindet und den Blick auf einen verwunschenen Garten freigibt.

Seit kurzem hat Annatina Pelizzatti kompetente Hilfe an ihrer Seite: Die jüngere Tochter Laura, 22-jährig und so schüchtern wie einst die Mutter, hat ihre Winzerlehre abgeschlossen und arbeitet nun voll im Betrieb mit. «Auch wenn ich es gerne gesehen hätte, wenn sie noch für eine Weile in Frankreich oder der Westschweiz gearbeitet hätte…» Entsetzt wehrt Laura an, «ich kann doch kein Französisch!» Laura half schon als Kind gerne mit, vor allem im Keller. «Heute hingegen bin ich viel lieber in den Reben.» Wie Annatina. Die beiden Frauen bewirtschaften insgesamt vier Hektar, unterteilt in 22 Parzellen zwischen Fläsch und Malans. Die jährliche Produktion beläuft sich auf rund 20 000 Flaschen.

Brillant duo féminin, Annatina Pelizzatti et sa fille Laura dans leurs vignes à Jenins.
Ein brillantes Frauen-Duo: Annatina Pelizzatti mit ihrer Tochter Laura in ihren Rebbergen in Jenins.

 

Elegante Gastronomieweine

Das gepflegte Sortiment von acht Weinen ist burgundisch geprägt, dominiert wird es naturgemäss vom Blauburgunder, den es in diversen Versionen zu probieren gibt. Schön der Jeninser Classic, traditionell in 1600-Liter-Fudern auf den Feinhefen ausgebaut, mit sortentypischer, strahlender Pinot- und Erdbeerfrucht und saftiger Eleganz. Der Pinot noir Sélection Barrique Jenins, ausschliesslich von
kleinbeerigen Burgunderklonen stammend, ist ein tiefgründiger, ernsthafter Wein, zu einem kleinen Teil mittels Ganztraubenmaischung vinifiziert und ein Jahr lang in französischen Barriques verfeinert. Wie gut er zu altern vermag, beweist der 2012er, der noch fast jugendlich wirkt. Überzeugend aber auch die Weissweine, etwa der florale Pinot Blanc – «die Restaurateure lieben ihn, denn er passt zu allem» –, und natürlich der Chardonnay, den es in zwei Terroirvarianten gibt. Der von der berühmten Fläscher Halde, ohne Säureabbau und zur Hälfte in neuen Barriques vinifiziert, präsentiert sich beschwingt und wundervoll frisch, der Malanser gefällt mit fast exotisch anmutenden Noten und viriler Struktur. «Im Keller mache ich eigentlich nichts», winkt Annatina Pelizzatti ab. «Meine Weine entstehen im Rebberg. Sie sollen ihr Terroir und den Jahrgang widerspiegeln.»

Auf dem Weg zum Bioanbau

Nach fast zwanzig Jahren Integrierter Produktion wird jetzt auf Bio umgestellt. Und mit weissen PIWI-Sorten gepröbelt. «Wir verzichten seit 15 Jahren auf Kunstdünger und Herbizide, jetzt arbeiten wir konsequent biologisch. Das gibt zwar mehr Arbeit, ist aber befriedigend.» Und spannend. «Wir lesen viel und diskutieren mit anderen Winzern…»

Mutter und Tochter zeigen uns eine der Rebparzellen direkt unterhalb von Jenins; Gräser und Blumen stehen kniehoch, von Bienen umsummt, von Schmetterlingen umgaukelt. Der Blick geht weit ins Bündner Rheintal. «Bald werde ich zur Imkerin», lacht Annatina, «spätestens, wenn ich pensioniert bin.» In einer Neuanlage wachsen die ersten Completerstöcke. «Mal sehen, was das gibt…» Die ersten Versuche, das können wir bezeugen, sind mehr als vielversprechend!

Tipp von Annatina Pelizzatti

Restaurant Rätia
Michael Kaufmann
7307 Jenins

Weinstube Alter Torkel
Oliver Friedrich
7307 Jenins