Setúbal – Eigenständige Weine aus raren Rebsorten

Herdade do Portocarro
José da Mota Capitão

Wo sind denn hier die Weinberge, fragen wir uns, als wir uns vom Osten her dem kleinen, unscheinbaren Dorf Torrão nähern. Denn auf unserer Fahrt haben wir bislang nur Felder, Weiden und Korkeichen zu sehen bekommen. Könnte es sein, dass wir falsch gefahren sind? Doch dann sehen wir plötzlich ein Holzschild mit der Aufschrift «Portocarro», das uns über eine staubige Schotterstrasse zu einem landwirtschaftlichen Gut mit einem hangarähnlichen Nutzgebäude und zwei schlichten, älteren Wohnhäusern führt. Selbst jetzt sind wir noch nicht sicher, ob wir wirklich dort angekommen sind, wo wir hinwollten: zum Weingut «Herdade do Portocarro». Erst als wir beim Umschauen oberhalb der Gebäudegruppe die gegen Süden ausgerichteten Rebparzellen sehen und uns gleichzeitig José da Mota Capitão lachend entgegenkommt, sind die letzten Zweifel verflogen. Doch was wir sehen, lässt uns ahnen, dass hier vieles anders ist als auf anderen Weingütern. Das beginnt bei den Äusserlichkeiten. Hier gibt es keine Vorzeigearchitektur, keine Kundenparkplätze, kein Besucherzentrum. Und keinen gestylten Degustationsraum, denn verkostet wird an einem grossen runden Tisch, der im geräumigen, geschmackvoll eingerichteten Salon im Wohnhaus steht.

Aber auch als Winzer geht José da Mota seine eigenen Wege. «Leidenschaft für den Unterschied», lautet das Motto, das er nicht nur auf seiner Internetseite verkündet, sondern auch lebt. So ist er der einzige Winzer in diesem Gebiet, das verwaltungstechnisch noch zur Halbinsel Setúbal gehört, aber geographisch bereits im Alentejo liegt. «Mit Sicherheit wurde in diesem Gebiet früher Weinbau betrieben, doch sind die Reben im Laufe der letzten zweihundert Jahre verschwunden», erzählt José da Mota. «Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Regierung den Alentejo zur Kornkammer Portugals umfunktionieren wollte und dass die Landbesitzer neben dem Anbau von Getreide der Kultivierung von Olivenbäumen und Korkeichen sowie der Viehwirtschaft den Vorzug gaben.» Tatsächlich hatte der diplomierte Agronom José da Mota, als er das Gut mit 140 Hektaren Land kaufte und sich hier niederliess, zunächst nicht die Absicht gehabt, sich als Winzer zu betätigen. «Als ich ich hier begann, tat ich dies, um unten am Fluss Sado Reis anzubauen und Rinder zu züchten.» Geblieben ist der Reisanbau. Auf 60 Hektaren wächst Reis, der unter der Eigenmarke «Loverice» verkauft wird. Und dazu gekommen ist 2002 der Weinbau. Zuerst wurden auf dem gegen Süden ausgerichteten Hang oberhalb der Gutsgebäude rote Rebsorten angepflanzt, zehn Jahre später kamen dann noch verschiedene weisse Varietäten dazu. Heute stehen auf 18 Hektaren Reben.

Das Weingut Herdade do Portocarro, dessen Weinberge (links) von Eichen und Reisfeldern eingerahmt werden.
Das Weingut Herdade do Portocarro, dessen Weinberge (links) von Eichen und Reisfeldern eingerahmt werden.

«Die Bedingungen für den Weinbau sind hier ideal», konstatiert José da Mota beim Rundgang durch die Rebparzellen. «Wir haben eher leichte, lehmhaltige Kalkböden, und das Klima ist geprägt von heissen, trockenen Sommern und milden, regnerischen Wintern.» Dabei betont er, dass er im Weinberg bewusst sehr wenig mache. «Wie ihr seht, sind unsere Reben ziemlich wild.» Und er fügt an, dass er zwar nach biodynamischen Methoden arbeite, der Betrieb aber nicht zertifiziert sei, weil er sich nicht einengenden Dogmen unterwerfen möchte. «Wichtig ist doch, dass wir gute und gesunde Trauben ernten können und dass wir im Keller all das Gute aus ihnen herausholen können, was in ihnen steckt.» Und das ist, wie sich bei der Verkostung der Weine zeigen wird, viel, bemerkenswert viel. Denn allen Weinen ist ein solides, straffes Rückgrat und eine wunderbare Eleganz und Frische eigen.

Das gilt nicht nur, aber im Besonderen für die weissen Gewächse, die vorab aus den zwei selten gewordenen autochthonen Rebsorten Galego Dourado und Sercial erzeugt werden. «Galego Dourado wurde wahrscheinlich noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts hier im Sado-Tal angebaut, verschwand dann aber vollständig und wird heute nur noch auf wenigen Hektaren angebaut», kommentiert José da Mota. «Dabei handelt es sich um eine wunderbare Rebsorte, die kräftige, aber finessenreiche Weine ergibt. Das ist auch der Grund, weshalb ich diese Sorte auf drei Hektaren gepflanzt habe.» José da Mota ist weltweit der einzige Winzer, der Galego Dourado reinsortig abfüllt. Eine weitere Rarität ist in Portugal der Sercial. Bekannt ist diese weisse Rebsorte vor allem für die trockenen, säurebetonten Weine, die aus ihr auf der Insel Insel Madeira gekeltert werden. «Der Sercial ist zwar eine schwierige Sorte, die dazu tendiert, schnell zu oxydieren. Zudem ist es die portugiesische Rebsorte mit den höchsten Säurewerten. Doch da ich ein Säureliebhaber bin, liebe ich sie über alles», schwärmt José da Mota. Mit seinen Aromen von gelben Früchten und Agrumen, der dezenten Petrolnote und seinem raffinierten Süsse-Säure-Spiel (der Wein hat rund 20 Gramm Restzucker) ist der reinsortig abgefüllte Sercial das raffinierte portugiesische Pendant zu einem deutschen Riesling. Im Wein mit dem eigenwilligen Namen «Gerónimo» finden dann die beiden Sorten harmonisch zusammen. Der nach dem legendären Apachen-Häuptling benannte Wein setzt sich aus 60 Prozent Galego Dourado und 40 Prozent Sercial zusammen und präsentiert sich als tiefgründige Cuvée mit einer vielschichtigen Aromatik mit Noten von Zitrusfrüchten, grünen Äpfeln und würzigen Anklängen sowie einer knackigen, perfekt integrierten Säure.

Bleibt die Frage, was es mit dem Namen «Gerónimo» auf sich hat. José da Mota lacht und erzählt, dass er als Bub beim Spielen als einer der wenigen immer ein Indianer und nie ein Cowboy sein wollte. «Die Indianer verkörpern für mich eine freiheitsliebende, furchtlose, unangepasste Minderheit, die sich gegen die dominierende Mehrheit zur Wehr setzt. In vielen Lebensbereichen sind es aber oft die unangepassten Minderheiten, die neue Impulse geben und etwas bewegen können. Auch in der Weinwelt.» Es ist deshalb nur konsequent, dass José da Mota mit einem seiner Rotweine einem anderen grossen Indianerhäuptling die Reverenz erweist: «Cavolo Maluco» (auf Deutsch: verrücktes Pferd) heisst das nach dem grossen Sioux-Häuptling Crazy Horse benannte Gewächs, das sich aus den beiden portugiesischen Rebsorten Touriga Franca (60%) und Touriga Nacional (30%) sowie der Bordelaiser Varietät Petit Verdot (10%) zusammensetzt. Der kleine Anteil an Petit Verdot gebe dem Wein den letzten Schliff, erklärt José da Mota. «Der Petit Verdot reift hier nicht ganz aus. Deshalb benutze ich ihn als natürliches Mittel, um dem Wein mehr Säure zu verleihen.» Der Cavalo Maluco 2008 präsentiert sich als nobler Wein, mit intensiven Aromen von schwarzen Früchten, Lakritze, Gewürzen, einem dicht gewobenen, aber sehnigen Körper und einem langen, säuregestützten Nachhall. Von eleganter Noblesse geprägt ist auch der reinsortige Touriga Nacional. Der 2011er zeigt sich warmherzig-komplex und wunderbar saftig, ausgestattet mit einer verführerischen Aromatik von schwarzen Beeren, Kräutern, schwarzer Schokolade und Gewürznoten.

Walter Zambelli, José da Mota Capitão und José Vouillamoz.
 Walter Zambelli, José da Mota Capitão und José Vouillamoz.

Ein Unikat in Portugal ist der «Anima», ein reinsortiges Sangiovese-Gewächs, erzeugt aus Trauben eines Brunello-Klons, dessen Stöcke im unteren, besonders warmen Teil des Rebhügels wachsen. Doch warum in Portugal Sangiovese anbauen, wo es hier doch so viele gute einheimische Rebsorten gibt? Er sei einer Intuition gefolgt, antwortet José da Mota schmunzelnd und gesteht: «Ich bin ein grosser Liebhaber von italienischen Weinen. Und da wir hier ein Terroir haben, das jenem des Brunello-Gebiets ähnlich ist, habe ich es gewagt, auf zwei Hektaren Sangiovese anzupflanzen. Das mag verrückt sein, doch ich glaube, dass sich das Resultat sehen lassen kann.» In der Tat! Wir sind verblüfft, outet sich doch der Anima 2012 als eine Sangiovese-Kreszenz vom Format eines grossen Brunello di Montalcino. Da ist alles da, was einen Brunello gross macht: Stoffigkeit, Tiefgang, Eleganz, Frische, solide, aber geschliffene Tannine und eine vielschichtige, säuregestützte Aromatik mit Noten von schwarzen Früchten, Kirschen und würzigen Kräutern. «Meine Rotweine durchlaufen wilde Kindheits- und Jugendjahre», kommentiert José da Mota. «Erst nach acht Jahren werden sie erwachsen und beginnen dann, ihren wahren Charakter zu zeigen.» Und bescheiden resümiert er: «Ich versuche einfach, das in die Flaschen zu bringen, was wir hier haben. Das ist alles.»

Tipp von José da Mota

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