Dritter Besuch: Andreas Bender in Leiwen an der Mosel

Nach einer ruhigen Nacht in Bad Dürkheim machen wir uns frühmorgens auf an die Mosel. Kurz vor dem Ziel Leiwen fahren wir aus dem Wald und zu unseren Füssen liegt prachtvoll das Flusstal der Mittelmosel. Die Aussicht ist imposant: rechterhand Trittenheim mit der bekannten Steillage Apotheke, links unter uns das Winzerdorf Leiwen. Dazwischen schlängelt sich die Mosel, gesäumt von Weinbergen. Wir reissen einen Fotostopp und erfahren später, dass das Panorama eine der meistfotografierten Szenerien des Weinbaugebiets ist.

Das Anbaugebiet Mosel, zu dem auch das Einzugsgebiet von Saar und Ruwer gehört, zählt zu den landschaftlich spektakulärsten Weinregionen der Welt, vergleichbar etwa mit dem Dourotal in Portugal, mit Ribeira Sacra in Galicien oder dem Lavaux. An den Hängen des engen Flusstals, das auf der Höhe des fünfzigsten Breitengrades und damit an der Nordgrenze des Weinbaus liegt, wird in schwindelerregenden Höhen Terrassenweinbau betrieben. In teilweise extremen Steilhängen klammern sich die Rebstöcke am steinigen Schieferboden fest. Ohne aufwendige Handarbeit geht hier gar nichts, nur ein kleiner Teil der Weinberge kann mit Maschinen befahren werden. An manchen Stellen ist es selbst mit Seilwinden unmöglich, Maschinen und Geräte einzusetzen. Entsprechend kleiner sind auch die Erträge: Rund 4000 Flaschen liegen hier pro Hektar drin, während in flachen Weinbergen bei gleichem Qualitätsmassstab etwa 7000 Flaschen möglich sind.

Un des vignobles escarpés d’Andreas.
Andreas Benders Rebberge fallen steil zur Mosel hinunter.

 

Als wir in die schmale Einfamilienhausstrasse einbiegen, an deren Ende Andreas Benders unscheinbarer Keller liegt, frappiert uns der Kontrast zu den zwei gestrigen Besuchen: Nicht nur entbehrt der Keller jeder Historie und jedes architektonischen Reizes, auch der junge Winzer, der auf dem Vorplatz mit einem Gabelstapler herumfährt, unterscheidet sich markant von gestandenen Männern wie Rainer Müller oder Volker Benzinger: mit seiner stämmigen Figur, den Shorts und den Arbeitsschuhen entspricht er ganz dem Typus eines Winemakers der Neuen Welt.

Passend dazu bezeichnet sich Andreas Bender in seiner Selbstdarstellung als «Maverick». Als einer der in kein gängiges Schema passe. «In den USA ursprünglich die Bezeichnung für ein frei herumlaufendes Kalb ohne Brandzeichen, ist ein Maverick im übertragenen Sinne ein Nonkonformist, ein cleverer Bursche, der unabhängig denkt und handelt, seinen eigenen Weg geht», liest man darin.

Andreas Bender
Andreas Bender

 

Andreas Bender ist der Sohn eines Rebschulisten aus Leiwen. Schon im zarten Alter von 13 Jahren unternahm der heute 37-Jährige im familieneigenen Keller, in dem Weine für den Eigenbedarf erzeugt wurden, erste önologische Gehversuche. Das Winzerhandwerk lernte er später in einer Mischung von Theorie und Praxis: Önologiestudium ohne Abschluss in Geisenheim, zahlreiche Reisen in die Weingebiete der Welt mit einem Praktikum in Kalifornien, Beschäftigungen im Wein-Marketing und im Weinhandel. Derart gerüstet startete er 2010 sein «Ein-Mann-Weingut», das innerhalb von sieben Jahren von null auf 16 Hektar wächst – in der Mosel und der Pfalz, wo er vor allem die Trauben für seine Rotweine (Pinot Noir, Cabernet Sauvignon, Merlot) erzeugen lässt. Mit dem Geld, das der Flaschenverkauf, für den er ein gutes Händchen und eine geschickte Agentur besitzt, jeweils hereinspülte, kaufte er Weinberge oder investierte in Pacht- und feste Abnahmeverträge.

Unser Besuch gilt Benders Moselweinen, und so wollen wir in diesen Spalten seine Pfälzer Gewächse ausblenden. Zwischen Drohn und Schweich bewirtschaftet der Winzer sechzig Parzellen in 17 Reblagen, hauptsächlich Riesling und etwas Weissburgunder, auf konventionelle Art – «Bio geht hier nicht», meint er apodiktisch. Seine besten Lagen befinden sich am Schweicher Annaberg. «Steillagen, in denen sich Rot- und Blauschiefer überlappen, angereichert mit fossilen, also kalkhaltigen Einschlüssen. Das ist für die Mineralität der Weine wichtig, wobei der Rotschiefer Kraft, Stoffigkeit und Gelbfruchtigkeit, die Blauschiefer die filigrane, schlanke Eleganz der Weine fördert.»

Die Weine probieren wir zunächst im Büro, im Haus seiner Eltern, später zum hervorragenden Mittagessen im «Wein & Tafelhaus», wo Alexander Oos in Sichtweite der «Trittenheimer Apotheke» eine verspielte, aber sehr schmackhafte, kreative Küche pflegt. Auffällig bei allen Weinen ist, dass Bender auf die Erwähnung der Lage im Etikett verzichtet. 

Ich vinifiziere die Trauben meiner Parzellen mit den Naturhefen getrennt, erst dann stelle ich die Cuvées zusammen. Dabei habe ich eine bestimmte Idee des Weins im Kopf und taste mich dann im Keller bei der Assemblage an diese Idealvorstellung heran.

Entscheidend ist für ihn dabei, dem Stil des jeweiligen Weins treu zu bleiben, ohne aber die Jahrgangsunterschiede einzuebnen.

Benders Mosel-Rieslinge sind in drei Kategorien mit je eigenen, originellen Namen eingeteilt: Paulessen, Hofpäsch und Dajoar. Die ersten beiden Namen gehen auf traditionelle, bis ins 17. Jahrhundert zurückgehende Haus- und Hofnamen seiner Familie in Leiwen zurück. «Dajoar» bedeutet im moselfränkischen Dialekt «wie früher» und erinnert, nebenbei gesagt, an seine Kellerphilosophie: «In meinem Keller gibt es technisch nicht viel zu sehen. Ich mache den Wein so, wie er hier an der Mosel vor fünfzig Jahren gemacht wurde. Wie er im Weinberg wächst, kommt er bei mir in die Flaschen.»

Doch wie unterscheiden sich die drei Linien? Die spannende Degustation gibt Auskunft: Paulessen ist ein feinfruchtiger, mineralischer Riesling modernen Stils (trocken) aus den Steilterrassen an Mosel und Ruwer. Dajoar ein feinherber Riesling mit zarter erfrischender Restsüsse. Hofpäsch schliesslich ein Mosel-Riesling im klassischen Stil: edelsüss, alkoholarm, mit saftiger, knackiger Säure und zarter Mineralität.

In besonders guten Jahren erhalten die drei Gewächse im Sinne einer Steigerung und Perfektionierung einen grossen Bruder namens Zenit. «Dieser stammt immer nur aus einer Parzelle und ist in seiner Kategorie mein reifster, kräftigster und tiefgründigster Wein, eine Art Grosses Gewächs », sagt Bender. Wunderbar schmeckte der zum Essen gereichte Paulessen Zenit 2012.

 

Riesling

Der Riesling ist der Star unter den alten germanischen Rebsorten und wurde bereits 1435 im Rheingau erstmals erwähnt. Sein Name soll vom altdeutschen «rîzan» herstammen, das später zu «reissen» wurde, da seine Beeren gerne aufplatzen, wenn man sie zwischen den Fingern drückt, so wie beim Chasselas, dessen Walliser Synonym Fendant ebenfalls diese Besonderheit hervorhebt.

DNA-Studien haben gezeigt, dass der Riesling wie mehr als 80 weitere Rebsorten Zentraleuropas ein natürliches Kund des weissen Gwäss ist, einer alten Rebsorte, die im Mittelalter in ganz Europa verbreitet war, heute aber nahezu verschwunden ist. Die Identität des zweiten Elternteils ist unbekannt, auch wenn einige irrtümlicherweise angenommen haben, dass es sich dabei um einen Vorfahren des Savagnin oder um eine wilde Rebe handeln könnte. Der Riesling ist also ein natürlicher Halbbruder von Chardonnay, Furmint, Blaufränkisch, Gamay usw. Dagegen ist er nicht verwandt mit dem Riesling Italico oder dem Welschriesling, einer Rebsorte, die von der dalmatischen Küste stammt und deren offizieller Name Graševina ist.

Der Riesling wurde im 19. Jahrhundert unter dem Namen Rhin oder Petit Rhin in die Schweiz importiert, als Reverenz an seine Herkunftsregion; im Wallis nannte man ihn Johannisberg, als Verweis auf das Gut, von dem die Stöcke stammten. Seit den 1920er und -30er Jahren hat man im Wallis den Namen Johannisberg willentlich auf den Silvaner übertragen, anderweitig Gros Rhin genannt. Heute bedeckt der Riesling in der Schweiz nur rund zehn Hektaren Fläche, vor allem im Wallis und in Zürich, wo diese spätreifende Sorte, die Kälte und Mehltau trotzt, gut strukturierte, säurereiche Weine ergibt, deren Aromen mit zunehmendem Reife an Petrol erinnern.

— Dr José Vouillamoz

Andreas Benders Ansatz ist unkonventionell und ungewohnt. Seine Weine überzeugen aber in jeder Prädikatsklasse mit ihrer Reintönigkeit, ihrer glasklaren Stilistik, ihrer Ausgewogenheit. Zweifellos würden sie in den bekannten Weinführern «Eichelmann», «Gault-Millau» oder «Falstaff» Bestnoten einheimsen. Doch man sucht sie vergebens darin. Unser «Maverick» pfeift auf Noten und die Bewertung durch die Weinpäpste. Lieber investiert er das Geld, das die Teilnahme an den Wettbewerben kostet, in den direkten Kundenkontakt, der ihn 80 000 Kilometer im Jahr herumreisen lässt.

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