Dão DOC, Quinta da Boavista, João Tavares de Pina

Das Dorf Penalva do Castelo, das östlich der Stadt Viseu unweit des Flusses Dão liegt, ist schnell gefunden. Doch ein wenig länger dauert es, bis wir einen Wegweiser mit der Aufschrift «Quinta da Boavista» zu Gesicht bekommen, der uns auf die richtige Fährte bringt. Über eine von dichtem Gebüsch gesäumte Naturstrasse gelangen wir schliesslich an unser Ziel, zum Weingut von João Tavares de Pina. Es liegt, von hohen Bäumen umgeben, idyllisch am Rand einer sanften Talsenke. João empfängt uns herzlich und lacht verschmitzt, als wir ihm von unseren Orientierungsschwierigkeiten erzählen. Das sei halt ein recht wildes Gebiet, das sich einem nicht wie auf dem Serviertablett präsentiere, erklärt er. Einst habe hier das ganze Gebiet Terras de Tavares geheissen. Zwar ist es lange her, dass Menschen diesen Landstrich erschlossen und urbar gemacht haben. Doch bei unserem Rundgang durch den Keller und die Weinberge wird schnell klar, dass sich auf der Quinta da Boavista, die seit über zweihundert Jahren im Besitz der Familie Tavares de Pina ist, der Pioniergeist von einst bis heute erhalten hat. Ja, mehr noch: Der Pioniergeist hat hier eine wahre Renaissance erlebt, seit João Tavares de Pina 1991 das Gut übernommen hat und zusammen mit seiner Frau Luísa führt.

Das zeigt sich zuallererst in den Rebparzellen, die zwischen 420 und 600 Metern über dem Meeresspiegel liegen und deren Böden mehrheitlich von Tonschiefer, mitunter aber auch von quartzhaltigem Granit geprägt sind. João Tavares nimmt uns mit auf einen ausgedehnten Rundgang über das zum Gut gehörende Land. Von den 40 Hektaren sind 13,5 Hektaren mit Reben bestockt. Zurzeit stehen aber nur gerade sechs Hektaren unter vollem Ertrag, da João Tavares vor ein paar Jahren alle Rebsorten ausgerissen hat, die nicht typisch für die Dão-Region sind. An ihrer Stelle hat er alte, hier heimische, aber zum Teil selten gewordene Varietäten gepflanzt. «Viele traditionelle Rebsorten wurden in den 1980er Jahren durch gängigere Modesorten ersetzt», erklärt er. «Dazu gehört der Aragonez, wie hier der Tempranillo genannt wird. Ein kompletter Unsinn! Da hier das Klima zu kühl ist, reift der nur schlecht aus.» Viel hält er dagegen von der roten Rebsorte Jaén, die ebenfalls aus Spanien stammt und im Dão-Gebiet aber bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts angebaut wird. «Sie hat sich bestens angepasst und gehört bei uns hier neben der Touriga Nacional zu den wichtigsten und besten Rotweinsorten.»

Doch daneben gibt es in Portugal und auch im Dão-Gebiet unzählige einheimische Rebsorten, die einst eine gewisse Verbreitung hatten, aber zunehmend in Vergessenheit geraten sind. Über diese traditionellen Rebsorten, die je nach Region unterschiedliche Namen haben und in den Weinbergen oft im gemischten Satz angebaut wurden, ist wenig bekannt, da viele von ihnen bislang gar nicht oder nur wenig erforscht wurden. Und da João Tavares nicht einer ist, der sich mit oberflächlichem Wissen zufrieden gibt, wollte es genauer wissen und hat mit vierzig alten Varietäten einen Versuchsweingarten angelegt, um mehr über deren spezifische Eigenschaften, Traubenqualität und Eignung zur Weinerzeugung in Erfahrung zu bringen.

Auch bei der Bewirtschaftung und Pflege der Reben geht João Tavares seine eigenen Wege. Sein Credo: Die Natur respektieren, indem man sowohl im Rebberg wie im Keller den natürlichen Vorgängen ihren Lauf lässt und so wenig wie möglich und nur so viel wie nötig interveniert. Auf den Rebparzellen wachsen zwischen den Rebstöcken Gräser, Klee und zahlreiche Wildblumen. Dieser Pflanzenteppich ist nicht nur schön für’s Auge anzusehen, er ist auch das Habitat von Käfern, Bienen, Schmetterlingen und anderen Nützlingen. Zudem helfen die Wildblumen mit, allen voran zwei Kamillenarten, die Rebstöcke auf natürliche Art vor Krankheiten zu schützen, dank der antiseptischen Wirkung der Pollen. Ganz ohne die im biologischen Weinbau erlaubten Spritzmittel (Kupferpräparate und Schwefel) kommt aber auch João Tavares nicht aus, doch verwendet er Dosen, die unterhalb den strengen Demeter-Richtlinien liegen. Gleichwohl hat er darauf verzichtet, den Betrieb zertifizieren zu lassen. «Das ist mir zu viel bürokratischer Aufwand», winkt er ab. Auch vom Hype um die sogenannten Naturweine hält er nicht viel. «Wenn ich gefragt werde, ob ich Naturweine mache, sage ich, dass ich die Weine lediglich so mache, wie man sie früher, zu Zeiten meines Vaters und Grossvaters, gemacht hat. So natürlich wie möglich halt.»

Die Rebberge von João Tavares de Pina sind umgeben von Wäldern in der Region Dão; sie weisen eine hohe Biodiversität auf.
Die Rebberge von João Tavares de Pina sind umgeben von Wäldern in der Region Dão; sie weisen eine hohe Biodiversität auf.

Das gilt freilich nicht nur für die Arbeit im Rebberg, sondern auch für den Keller, wo João Tavares nach dem kontrollierten Laisser-Aller-Prinzip arbeitet: «Man darf die Weine nicht in einen vorgegebenen Raster zwingen», erklärt er. So lässt er alle seine Weine mit den in den Rebparzellen, auf den Trauben und im Keller vorhandenen Hefearten spontan vergären. «Man muss die Weine, soweit es geht, sich selbst überlassen und nur dann eingreifen, wenn es nötig ist.» So benützt er bei der Vinifizierung der Weissweine, die er je nach Wein zwischen einer Woche und einem Monat an der Maische lässt, Kastanienblüten als Antioxydans. Und bei den roten Trauben verzichtet er oft darauf, diese zu entrappen. «Wenn man bei den Rotweinen einen Alkoholgehalt von weniger als 12,5 Volumenprozent hat, dann kann man die Stiele getrost mitvergären. Bei einem höheren Alkoholgehalt besteht die Gefahr, dass man zu viele Tannine aus den Stielen extrahiert.» Und die Weine, die in Fässern ausgebaut werden, füllt er nicht in solche aus Eichenholz, sondern aus Kastanienholz. «Kastanienholzfässer sind neutraler als Eichenholzfässer und zudem luftdurchlässiger», kommentiert João Tavares. Abgefüllt werden die Weine schliesslich ungefiltert und nicht geschönt, unter Zugabe einer Minimaldosis Schwefeldioxyd von 30 mg pro Liter.

Oben, von links nach rechts: Rita, Joãos Tochter, Rudolf Trefzer  und Luísa, Joãos Frau. Unten, von links nach rechts: Walter Zambelli, José Vouillamoz,  João Tavares de Pina.
Oben, von links nach rechts: Rita, Joãos Tochter, Rudolf Trefzer und Luísa, Joãos Frau. Unten, von links nach rechts: Walter Zambelli, José Vouillamoz, João Tavares de Pina.

 

Doch genug geredet! «Wein trinkt man zum Essen», verkündet João Taveres und schlägt vor, dass wir seine Weine nicht nur degustieren, sondern bei Tisch auch zusammen trinken. Im oberhalb des Kellergebäudes liegenden Wohnhaus ist der Tisch bereits gedeckt. Den Auftakt machen saftig-süsse Tomatenscheiben (unser Besuch fand anfangs September statt), die lediglich mit bestem Olivenöl und Salz gewürzt und mit Zwiebelringen belegt sind. Es folgt ein mit gehackter Petersilie angereicherter Pulpo-Salat. Zu diesen sommerlich-frischen Gerichten entkorkt João Tavares die vier Weine seiner jungen Basislinie «Rufia», die das farbliche und stilistische Spektrum der Weine von weiss über orange und rosé bis zu rot durchdekliniert. Als «Rufia» wird in Portugal ein Halbstarker, ein unangepasster Rowdy bezeichnet. Und tatsächlich ist den Rufia-Weinen eine wohltuende Portion ungezähmte Wildheit eigen, was auf den Etiketten die witzig-frechen Zeichnungen der in New York lebenden Künstlerin Marguerita Bornstein treffend illustrieren. Als besonders guter Essensbegleiter outet sich der Rufia Orange 2018, eine Cuvée aus Síria, Bical, Cerceal Branco, Encruzado und Malvasia. Mit seinem eher verhaltenen Bouquet mit Anklängen von Orangenschalen und Nüssen und seinem stoffig-mineralischen, von feinen Tanninen und einer harmonischen Säure gestützten Körper handelt es sich beim Rufia Orange nicht um einen von expressiven Primäraromen geprägten Nasenwein, sondern um einen vielschichtigen Gaumenwein.

Zur Hauptspeise tischen João und Lucia Tavares einen im Ofen gegarten Lammbraten mit grob geschnittenen Bratkartoffeln auf. Dazu kredenzen sie uns den Terras de Tavares Reserva 2007, eine tiefgründig-elegante Cuvée mit Aromen von Beeren, Kräutern, Tannenharz, Wacholder und Lakritze und einem kräftig-soliden, aber feingliedrigen Körper mit feinen, geschliffenen Tanninen und einer frischen, stützenden Säure. Gekeltert aus Jaen (50%), Touriga Nacional (40%) und Rufete (10%) zeigt er exemplarisch den vielschichtig-feinen Charakter und das Alterungspotenzial grosser Dão-Weine. Und als ob es noch weiterer Beweise dafür brauchte, öffnet João Tavares mit dem 2002er und dem 1997er zusätzlich zwei ältere Reserva-Jahrgänge, die noch in kleinen Mengen in seinem Keller schlummern. Beide Gewächse präsentieren sich beinahe noch in jugendlicher Frische, haben Tiefgang und Finesse und zeigen noch keinerlei Spuren von Altersmüdigkeit. «Diese Weine repräsentieren nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart, denn die Weine, die ich heute erzeuge, sind nicht anders als jene, die ich vor zwanzig, dreissig Jahren machte», kommentiert João Tavares. «Ich bin nie einer Mode gefolgt und habe immer nur Weine gemacht, die ich auch gerne selber trinke.» Und er gesteht: «Das war zu der Zeit, als die Weinwelt fette Parker-Weine haben wollte, nicht einfach, da ich nicht alle meine Weine verkaufen konnte.» Heute ist es freilich genau umgekehrt. «Jetzt, wo immer mehr Weinliebhaber nach nachhaltig erzeugten, authentischen Terroirweinen verlangen, stossen meine Weine auf Anerkennung und sind gefragt.»

Tipp von João Tavares de Pina

Restaurants
Valério
Rua dos Combatentes da Grande Guerra nº 48
3530 Mangualde

Cova da Loba
Largo da Igreja s/n
6360-080 Linhares